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Foto: Francesco Totaro

lost yesterdaysinter:ference

 

mit Ruth Geiersberger, Kasia Gocał, Andreas Mayer, Aneta Orlik, Karol Pruciak

 

Konzept, Bühne: Linda Sollacher | Dramaturgie: Janina Werner | Konzeptuelle Mitarbeit: Assunta Steiner

Kostüme: Lisa Geller | Komposition: Jacopo Salvatori | Musik: Ghenadie Rotari, Jacopo Salvatori, Gurdan Thomas

Musiker: Zdravka Ivanova/Ghenadie Rotari (Akkordeon), Stefan Beuthner/Gurdan Thomas (Gitarre, Tuba),
Jacopo Salvatori (Klavier, Elektronik)

 

Wie verändert sich der Blick auf die Welt, den Alltag, die Personen und Situationen, die uns begegnen, wenn Zusammenhänge verloren gehen? In einem Wohnzimmer, das wie ein Diorama in einem naturkundlichen Museum anmutet, begegnen wir Frau Hartnagel. Alles ist vorhanden, was einmal ihr Zuhause hätte sein können: eine Schrankwand mit Nippes, eine Sitzgarnitur, Landschaftsbilder an den Wänden. Doch für sie bleibt der Raum eine Behauptung, eine perfekte Kulisse. Was fehlt, ist die Erinnerung, die dem Raum Leben gibt – Frau Hartnagel leidet an Demenz.

 

Außerhalb des Bildes befindet sich ein junger Mann – Pfleger, Regisseur und Voyeur in einer Person. Mit Fragen möchte er die innere Welt der Erkrankten verstehen lernen, stößt dabei aber schnell an seine (und unsere) Grenzen. Plötzlich bricht das Realitätsgefüge auf und es erscheinen tanzende Gestalten auf der Bühne, die mal Bedrohung, mal gelebte Erinnerung für Frau Hartnagel sind. Es entfaltet sich ein Dialog zwischen Körpern und Stimmen, zwischen Tanz, Musik und gesprochenem Wort: berührend und verstörend zugleich.

 

Mit lost yesterdays gelingt der jungen deutsch-polnischen Gruppe inter:ference eine sensible Annäherung an eine Krankheit, die dem gesellschaftlich anerkannten Bild vom autonomen und selbstreflektierten Menschen radikal widerspricht. Wie schon in den vergangenen Produktionen Jetzt/Teraz, Operculum und Heimsuchung/Nawiedzenie (ausgezeichnet mit dem schlesischen Theaterpreis „Goldene Maske“) entwickeln sie eine ganz eigene Theatersprache zwischen Choreographie und Installation. Erstmalig kooperieren sie dabei mit der bekannten Münchner Performerin Ruth Geiersberger, dem Schauspieler Andreas Mayer und dem Komponisten Jacopo Salvatori.

 

Eine Produktion der Theaterakademie August Everding (Reihe EigenArten International) in Kooperation mit der Akademie der Bildenden Künste München.

Diese Veranstaltung wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst. Mit freundlicher Unterstützung der Brigitte und Ekkehard Grübler-Stiftung und culture.pl

 

 

 

 

 

Sa17.09.18.30 Uhrlost yesterdays inter:ferenceAudiogramm. Eine Stadtteilkomposition Clara Hinterberger  PremiereJoasihno (Konzert)Im Anschluss Party

So18.09.19.30 Uhrlost yesterdays inter:ferenceAudiogramm. Eine Stadtteilkomposition Clara Hinterberger

Di20.09.20.00 Uhrlost yesterdays inter:ferenceAudiogramm. Eine Stadtteilkomposition Clara Hinterberger

 

 

"Wenn Leute mich fragen, wie es ist, mit Alzheimer zu leben, dann sage ich immer: Es ist ein Gefühl, als säße ich im Wohnzimmer meiner Großmutter. Ich betrachte die Stra-ße draußen durch ihre Spitzenvorhänge. Die Vorhänge haben Muster mit dicken Kno-ten, die mir die Sicht versperren. Manchmal bewegen sich die Vorhänge im Luftzug, und ich sehe etwas wieder, und dann schwingt die Gardine zurück, und ich bin wieder abgetrennt von meinen Erinnerungen".

Richard Taylor

 

Janina Werner: Gegen das Vergessen

Wie Frau Hartnagel in lost yesterdays kämpfen mehrere tausend Menschen in Deutschland und Millionen weltweit um ihr Gedächtnis. Die am häufigsten auftretende Form der Demenzerkrankung ist die sogenannte „Alzheimer-Demenz“. Betroffene leiden hierbei an einem schleichenden Verfall: Die Erinnerung verblasst, emotionale und soziale Leistungen nehmen spürbar ab. Ist die Krankheit weiter vorangeschritten, können Sprach-, Lese- und Rechenfähigkeiten sowie der Orientierungssinn verloren gehen. In den meisten Fällen tritt Demenz nach dem 60. Lebensjahr auf und besonders häufig sind Frauen betroffen.

In der Vergangenheit weitestgehend tabuisiert oder als „Schusseligkeit“ abgetan, nimmt sich die Öffentlichkeit langsam dieses Themas an - ob in populären Kinofilmen wie Honig im Kopf, Still Alice oder in Dokumentationen über bekannte Persönlichkeiten, zum Beispiel den früheren Fußballspieler und Manager Rudi Assauer. Immer öfter werden weitere Demenzerkrankungen bekannt, wie bei der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher oder vor kurzem bei dem einstigen Stürmer des FC Bayern München, Gerd Müller.

Doch nicht ausschließlich ältere Personen sind betroffen, wie der Fall einer Simultandolmetscherin zeigt: Helga Rohra erkrankt mit 54 Jahren plötzlich an Demenz. Sie muss ihre Arbeit aufgeben, Abläufe im Alltag fallen ihr schwer. Ihr Sohn unterstützt sie, beide schreiben gemeinsam Einkaufszettel und üben Handlungen im Haushalt. Helga Rohra hat beschlossen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie hält Vorträge über ihre Krankheit, praktiziert einen offensiven Umgang mit ihrem Leiden und spricht für die Rechte von „Frühbetroffenen“. In ihrem Buch „Aus dem Schatten treten“ versucht sie, den Lesern einen tieferen Einblick in ihre Krankheit zu gewähren. Sie selbst bezeichnet sich heute als Dolmetscherin der Gedanken und Gefühlswelt von Demenzkranken.

Auch diverse Organisationen weltweit werben für einen „Kampf gegen das Vergessen“ und bemühen sich um mehr Verständnis in der Bevölkerung. Verschiedene Läufe – sogenannte „Memory Walks“ – geben dem Thema Demenz eine öffentliche Plattform. Familienmitglieder tragen T-Shirts mit Aufschriften wie „I run for my mom“ und setzen sich damit aktiv mit dem Leiden ihrer Familie auseinander.

In einer alternden Gesellschaft stehen Betroffene und deren Angehörige zunehmend unterschiedlichsten Krankheitsbildern gegenüber. Dabei ist die Demenz jedoch eines der Schwersten. „Vergesslich-Werden“ ist nicht messbar. Zwar gibt es inzwischen Tests zur Feststellung einer „Demenz-Pflegestufe“, dennoch ist es gerade für Familienmitglieder oft schwer zu begreifen, wie die Krankheit verläuft; andere Leiden können häufig leichter akzeptiert werden. Man weiß: Es gibt schlechtere und bessere Zeiten. Es gibt Tage, an denen Abläufe im Alltag gut funktionieren, die Betroffenen erinnern sich an den vorherigen Tag und sind gut aufgelegt. Am nächsten Tag kann dieser Zustand aber wieder vollständig zurückgegangen sein. Patienten werden aggressiv und sind überfordert, da die einfachsten Dinge nicht mehr zu funktionieren scheinen.

Was bleibt also uns, die wir auf die eine oder andere Art in Zukunft mit dieser Krankheit konfrontiert werden? Vielleicht muss das Verstehen auf eine ganz andere Weise funktionieren. Es heißt, demenzkranke Patienten kehren immer weiter in den Zustand eines Kindes zurück. Die Selbstständigkeit geht verloren, sie werden schutzlos und sind der Welt ohne fremde Hilfe regelrecht „ausgeliefert“. Angehörige erzählen häufig, dass die Zeit keine Rolle mehr zu spielen scheint, wenn sie mit ihren Verwandten beisammen sind. Man taucht in eine Welt ein, die jenseits strukturierter Abläufe und Regeln verläuft. Patienten leben genau im „Hier und Jetzt“, was morgen kommt oder gestern war, hat keine Bedeutung. Dieses „Im-Moment-Leben“ ist wohl eine der Fähigkeiten, die wir, trotz aller Belastung und Schwierigkeiten, von Demenzpatienten für unser eigenes Leben lernen können.

 

Janina Werner: Über lost yesterdays

Vor drei Jahren begann eine Zusammenarbeit zwischen der Theaterakademie August Everding und dem Department für Tanztheater in Bytom an der staatlichen Hochschule für Theater Ludwik Solski in Krakau (PWST). Im Rahmen des zu dieser Zeit entstandenen Verbundes europäischer Theaterakademien, genannt „E:UTSA“, kam es zu einer ersten Begegnung und das Künstlerkollektiv inter:ference – damals noch little:interference – wurde gegründet. Es entstanden die Projekte HEIMSUCHUNG|NAWIEDZENIE und OPERCULUM – looking for Heimat, die u.a. in München, Krakau, St.Petersburg, Freiburg und Berlin gezeigt wurden. Diese befruchtende Kooperation soll auch in Zukunft fortgesetzt werden, allerdings mit dem Fokus auf einen breiteren Austausch mit anderen Künstlern und Theaterschaffenden. So kam für diese Produktion die Zusammenarbeit mit Ruth Geiersberger, Andreas Maier und Jacopo Salvatori zustande.

Wie kam es zu der Idee, ein Theaterstück aus Musik, Tanz und Schauspiel zum Thema „Demenz“ zu gestalten?

Anstoß kam unter anderem durch die Dokumentation Der Tag, der in der Handtasche verschwand, die erstmals 2001 im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Darin begleitet eine Regisseurin eine demenzkranke Patientin in einem Pflegeheim und nimmt diese mit einer Handkamera auf. Dabei ist die Regisseurin selbst nicht sichtbar, man hört nur ihre Stimme aus dem Off. Im Fokus steht die Demenzkranke, die ruhelos im Heim umhergeht. Interessant dabei ist, dass durch das eingeschränkte Blickfeld der Kamera eine neue Perspektive auf die Kranke entsteht: Nicht sie wird zu einer Fremden, sondern die Menschen um sie herum agieren befremdlich.

Diese Grundidee wurde für die Bühne übernommen: In einem kleinen Zimmer, das an Dioramen in naturhistorischen Museen angelehnt ist, wird Frau Hartnagel in ihrer „natürlichen Umgebung“ ausgestellt. Alles wirkt natürlich – es sind Gegenstände vorhanden, die üblicherweise in den Raum gehören. Zumindest aus der Sicht des Zuschauers. Für die Betroffene selbst ist und bleibt der Raum eine Behauptung, eine perfekte Kulisse. Was fehlt, ist die Vergangenheit, die dem Raum Leben gibt. Frau Hartnagel kann in ihrer eigenen, „natürlichen Umgebung“ kein Gefühl von Heimat für sich entwickeln. Plötzlich treten drei Tänzer in Erscheinung. Zunächst betrachtet Frau Hartnagel ängstlich das Geschehen, bevor sie sich langsam auf das Treiben einlässt. Ihr direktes Gegenüber, der Pfleger Mario, kann die weiteren Figuren auf der Bühne in diesem Moment nicht sehen. Ihm bleibt der Grund für das rätselhafte Verhalten der Dame verborgen. Er geht weiter seiner Beschäftigung nach und räumt ihr Zimmer auf – ohne zu wissen, dass ein Großteil des Durcheinanders durch die Tänzer entstanden war, die wie eine gelebte Erinnerung von Frau Hartnagel agieren.

Durch diese Hinterfragung der Realität entstehen völlig neue Sichtweisen auf den Alltag. Der Blick auf Menschen wird geschärft, die sich von der Umwelt und sich selbst entfremden, da ihre Erinnerung nach und nach verblasst.

 

Foto: Francesco Totaro

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